Nachlese II zur Orgeleinweihung: eine Sternstunde für die Kirchenmusik

eine Nachlese zum Fest von Christiane Landen

Endlich ist es soweit: der Tag der Orgeleinweihung ist da. Die Kirche St. Hubert in Verlautenheide ist voller Menschen, die gespannt darauf warten, die neue Orgel endlich hören zu können. Dass sie ein wunderbarer Anblick ist, haben alle schon wahrgenommen. Zunächst begrüßt Kirchenmusiker Christian Debald die Gemeinde mit einführenden Worten. Nach dem Einzugslied und liturgischer Eröffnung, folgt die Ansprache von Klaus Ritzerfeld im Namen des Kirchenvorstands. Da die Orgel erst nach der Weihe erklingen darf, werden die ersten beiden Gemeindelieder noch am Klavier begleitet. Schließlich segnet Pfarrer Pero Stanušić Orgel und Spieltisch, indem er sie mit Weihwasser besprengt; im Anschluss darf die neue Orgel zeigen, was in ihr steckt.

Hier möchte ich ein paar Informationen zur Orgel einfügen: Die Orgel ist die Vereinigung der alten Klais-Orgel von St. Elisabeth (Aachen) und der früheren Bach-Orgel in St. Hubert. Die neue Orgel, zusammengefügt von der Orgelbaufirma Fasen, verfügt über 2363 Pfeifen und 34 Register; der Spieltisch wurde völlig neu gebaut, er hat drei Manuale und ist mit modernster Technik ausgestattet. Die Zahlen interessieren vor allem den Fachmann, für den „normalen“ Zuhörer zählt das Ergebnis, der Wohlklang.

Der fast 100köpfige Chor, zusammengesetzt aus Chor Weinstock, Kinder- und Jugendchor St. Hubert sowie einem Projektchor, hat seit Ostern die „Messe solennelle“ op. 16 von Louis Vierne einstudiert, die mit ihren Tempowechseln und zum Teil außergewöhnlichen und dissonanten Harmonien eine Herausforderung auch für geübte ChorsängerInnen darstellt und ebenfalls dem Organisten eine große Leistung abverlangt. Der Spieltisch der neuen Orgel steht nun unten im vorderen Kirchenraum, was dem Organisten einen guten Blickkontakt zum Dirigenten und auch Kommunikation mit der Gemeinde ermöglicht. Den Orgelpart übernahm Regionalkantor Thomas Linder (Aachen-Stadt). Als er die ersten Takte des Kyrie spielt, füllt die Orgel brausend und gewaltig den Kirchenraum, für viele ein sehr emotionaler Augenblick – Gänsehaut pur. Dann setzt der Chor ein. Christian Debald hat den Chor so gut vorbereitet und die einzelnen Chöre zusammengeführt, dass es eine Freude ist mitzusingen (die Verfasserin hat im Projektchor mitgewirkt) und zuzuhören. Intonations- und taktsicher bewältigt der Chor die Aufgabe zur Freude aller. Die Orgel glänzt in ihrer Klangschönheit, die Messe bringt ihre Kraft und das breite Klangspektrum wunderbar zum Ausdruck. Die „Messe solennelle“ passt perfekt für diesen Anlass.

Pfarrer Stanušić greift in seiner Predigt das Thema Kirchenmusik auf. Diese öffne den Zugang zu dem ganz anderen Reich; auch in Zeiten des Mangels bei der Kirche sei es notwendig, in etwas Schönes zu investieren, das die Zeiten des Mangels überdauere. Auch in diesen Zeiten sei es wichtig, den Glauben zu feiern. Was sei besser dafür geeignet als die Königin der Instrumente? Die Kirchenmusik erleichtere uns den Zugang zur Andacht und zum Hören auf Gottes Wort. Er vergleicht dann die Vielzahl der verschiedenen Pfeifen mit den vielen Gemeindemitgliedern und -gruppen, manche im Vordergrund, manche verborgen, alle aber wichtig für das Gesamte. Er wünscht der neuen Orgel, dass sie sich in St. Hubert zuhause fühlen werde, und dass der Atem des Heiligen Geistes ihre Pfeifen wie auch die Herzen der Menschen erfüllen werde. Debald nimmt, so scheint es mir, das Thema des Heiligen Geistes im Orgelvorspiel zum Credo auf und setzt Lichter wie aus dem Jenseits mit einigen der neuen Klangfarben. Man hat sogar das Gefühl Glocken zu hören …

Es ist eine unvergessliche Messe zur Feier dieser wunderbaren Orgel, die im Schlussstück des Chores noch einmal zu hören ist, nämlich beim mitreißenden „Sing“ von David Willcocks.

Nach der Festmesse ist Zeit für ein Gespräch bei einem Glas Sekt. Den ganzen Tag über wird auch für das leibliche Wohl gesorgt: So gibt es einen Imbiss- und einen Getränkewagen und nachmittags wird im Pfarrsaal Kaffee und Kuchen angeboten. Es ist eine gute Gelegenheit, warm zu werden und sich zu stärken.

Um 15 Uhr sind dann vor allem die Kinder eingeladen. Christian Debald und Marlies Buchmann-Bechthold (Leiterin des Kinder- und Jugendchors St. Hubert) führen zusammen die „Orgelmaus“ auf, wobei Debald zusammen mit der Maus „Charly“ den Kindern die Orgel auf spielerische Weise und anhand bekannter Musikstücke erklärt. Die anfangs noch brav in der Bank sitzenden Kinder tauen bald auf und tanzen zusammen mit Marlies oder stellen sich eng um den Spieltisch, um genau mitzubekommen, wovon die Rede ist. Bald wissen die Kinder, dass es verschiedene Arten von Orgelpfeifen gibt, was die Register bewirken und vieles andere. Es macht allen sichtlich Vergnügen, auch den Erwachsenen, die die Kinder begleiten oder aus eigenem Interesse dabei sind.

Im Laufe des Tages gibt es auf Anfrage zahlreiche Orgelführungen und Erklärungen.

Der musikalische Höhepunkt des Tages ist der fulminante Auftakt zu der von Debald ins Leben gerufenen Konzertreihe „1. Aachener Orgelherbst“ – weitere Konzerte folgen an jedem Sonntag bis zum Patrozinium am 4. November – und zwar das Konzert von Domorganist Prof. i. K. Michael Hoppe. Mit einem Programm, das vom französischen und deutschen Barock über die deutsche und französische Romantik bis zu deren Jazz-Version reicht, lotet er die vielfältigen Möglichkeiten der neuen Orgel, ihren Reichtum an Klangfarben aus. Treffend beschließt Hoppe das Konzert mit der Toccata von Widor, auf der das am Ende des Festgottesdienstes gesungene Chorarrangement von Willcocks „Sing“ basiert.

Besonders reizvoll ist für das Publikum, dass es durch die Aufstellung des Spieltisches direkt vor dem Mittelgang den Organisten nicht nur hören, sondern ihm auch beim Spielen auf Manualen und Pedalen zusehen – ihn erleben – kann, ein großer Vorteil gegenüber der früheren Aufstellung des Spieltisches auf der Orgelbühne. Die trotz des unangenehm nass-kalten Wetters ungewöhnlich zahlreichen Zuhörer lauschen gebannt dem virtuosen Spiel des Domorganisten und seinen musikalischen und musikhistorischen Erläuterungen. Als die letzten Töne verklungen sind, bedankt sich das Publikum mit brausendem Applaus und Standing Ovations.

Bevor Prof. Hoppe das Publikum mit einer Zugabe verabschiedet, nimmt er sich in einem Schlusswort die Zeit, den Kirchenmusiker Christian Debald zu würdigen. Er dankt ihm dafür, dass er „mit ganz ganz viel Einsatz dieses Projekt auch maßgeblich mitgetragen hat“, das viel Kraft und Nerven gefordert hätte. In diesem Sinne gilt die als Zugabe gespielte fulminante Improvisation über das Lied „Viel Glück und viel Segen.“ sicher nicht nur der Orgel, sondern gleichermaßen dem Kirchenmusiker.

Recht hat er! Als Mitglied der „Freunde und Förderer“ habe ich mitbekommen, was es für eine Mammutaufgabe war, die Orgel von St. Elisabeth für St. Hubert zu retten. Dieses Ziel hatte sich Debald schon bei der Sichtung „seiner“ Kirchen gesetzt, als er hörte, dass St. Elisabeth aufgegeben werden sollte. Ehrlich gesagt habe ich es anfangs nicht für möglich gehalten, dass es tatsächlich gelingen würde, dieses Ziel zu verwirklichen. Ohne den Mut, die Leidenschaft, das Engagement, die große Sachkenntnis und das Durchhaltevermögen von Christian Debald all die nervenaufreibenden Monate hindurch mit immer neuen Hindernissen und Erfordernissen hätte das Projekt nie in die Wirklichkeit umgesetzt werden können. Seine Leidenschaft für die Kirchenmusik war so ansteckend, dass er den Kirchenvorstand überzeugte, dass sich ehrenamtliche Helfer fanden, die „Freunde und Förderer“, Spender, Menschen, die anpackten, Fahrzeuge organisierten, Material schleppten und fuhren, Sponsoren fanden, ohne die letztlich die Finanzierung nicht möglich gewesen wäre. Es ist gelungen und es hat sich gelohnt.

Christiane Landen
Freunde und Förderer der Kirchenmusik

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