Geistreich im Oktober

Herbst

Als ich vor einigen Wochen meinen Urlaub in Südtirol verbrachte und bei einer Wanderung bei sonnigem Wetter auf das Panorama der Dolomiten schaute, entdeckte ich auf einem großen Stein am Wegesrand die Inschrift:
„Groß sind die Werke des Herrn, kostbar allen, die sich an ihnen freuen.“ (Psalm 111,2)
Und ich freute mich an der Schönheit der Natur, in der schon die ersten Zeichen des herannahenden Herbstes sichtbar wurden. Die Blätter einiger Bäume färbten sich gelb, auf einer Wiese blühten Herbstzeitlose und weiter unten im Tal reiften die Äpfel und die Trauben.
Da erinnerte ich mich an ein Gedicht von R.M.Rilke, das mir seit der Schulzeit vertraut ist.

Herr, es ist Zeit

Herr, es ist Zeit,
der Sommer war sehr groß.
Leg deine Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den Früchten, voll zu sein,
gib ihnen noch zwei südlichere Tage.
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben.
Und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rilke beschreibt nicht nur den herannahenden Herbst, er wendet sich direkt an Gott, formuliert ein Gebet, in dem er seiner Dankbarkeit für den großartigen Sommer Ausdruck verleiht und gleichzeitig die Aufforderung an Gott richtet, die Früchte zur Vollendung zu bringen, damit die Menschen sie genießen können.
Während der Sommer voller Wärme, voller Farben, voller Blüten war, zeigt uns der Herbst eine andere Seite. Der Herbst ist die Zeit der Ernte, aber auch der Winde, der Stürme, der fallenden Blätter. Das alles gehört zum Kreislauf der Natur, das Wachsen und das Vergehen. Und Rilke beschäftigen in dieser Situation noch weitere Dinge. Er denkt an den herannahenden Winter, an das Alleinsein, an die innere Unruhe, an die Dinge, die unvollendet geblieben sind. Er weiß, dass er, dass der Mensch das aushalten muss.
Blicken wir noch einmal zurück auf die erste Zeile des Gedichtes: „Herr, es ist Zeit.“ Wofür ist jetzt Zeit? Zeit für Dankbarkeit, zum Beispiel für meinen wunderschönen Urlaub, für die Berge, die Wiesen mit ihren Blumen, für die Zirben und die Latschenkiefern höher oben, für die Menschen, denen ich begegnen durfte und für deren Fürsorge? Oder auch Zeit, ungeliebte Dinge anzugehen, die zu lange aufgeschoben wurden? Zeit zum Loslassen? Zeit für Veränderung?
Ich lade Sie ein, sich mit Rilkes Feststellung „Herr, es ist Zeit“ am Beginn dieses Herbstes zu beschäftigen, sich zu fragen, was es für Sie selbst und Ihr Leben bedeutet.

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