Wer wir waren

Foto: derhueby / pixelio.de

In dem kleinen Buch „Wer wir waren“, von Roger Willemsen, welches aus Teilen seiner Rede, die er im Rahmen der Verleihung der Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft am 28.06.2016 in Düsseldorf gehalten hat besteht, habe ich eine kurze Passage gefunden, die mich ganz besonders betroffen, ja vielleicht auch aufgestört hat. Er beschreibt unsere Zeit aus einer Perspektive in der Zukunft, quasi als Rückblick auf das Heute. Roger Willemsen hat in dieser Rede Teile eines unfertigen Manuskriptes für ein Buch verwendet, welches nie geschrieben wurde, da er vorher ganz plötzlich verstarb.

„Wir waren jene,
die wussten, aber nicht verstanden,
voller Informationen, aber ohne Erkenntnis,
randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung.
So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“

Diese Passage wirkt auf mich verstörend, trifft mein Gefühl angesichts der Geschehnisse in unserer Welt in der letzten Zeit. Sie fasst mein „Nichtverstehenkönnen“, was eigentlich passiert ist in unseren Gesellschaften in Worte und ließ mich im ersten Augenblick rat-und hoffnungslos zurück.

Zu Beginn des neuen Jahres stehen wir da, schauen zurück auf das Vergangene und – wenn wir ehrlich zu uns selbst sind – müssen uns eingestehen, dass die Geschehnisse, politischen Entwicklungen, menschliche wie kulturelle Desaster das übersteigen, was wir uns haben vorstellen können.

Und nun? Ein neues Jahr mit mehr Fragezeichen als Hoffnung. Ein „weiter so“ geht nicht. Einfache Antworten tragen nicht, führen noch mehr in Richtung des Abgrundes.

Und die Hoffnung? Auch dazu habe ich zumindest einen kleinen inspirierenden Absatz am Ende des Büchleins entdeckt, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

„Doch nicht damit will ich enden, sondern mit jenen Menschen, die ehemals in eine Vorstellung von Zukunft aufbrachen, indem sie, in einen Stahlmantel eingeschlossen, befeuert von einer haushohen Stichflamme explodierenden Treibstoffs in den erdnahen Weltraum katapultiert wurden, jene paar hundert Menschen, die außerhalb der Erdatmosphäre geatmet haben in der Schwärze des Orbits, in jenem Raum, der so lange die Zentralperspektive aller Zukunftsvisionen bildete. Vergessen wir für einen Augenblick das Technische daran und konzentrieren uns auf das Ästhetische. Nichts scheint die ersten Weltraum-Reisenden vorbereitet zu haben auf das, was die Anschauung des Alls und der Erde im All in ihnen auslösen würde, demütig und poetisch haben sie sich dem quasi religiösen einer Erfahrung des Exterritorialen zu stellen versucht und wieder einen ersten Blick geworfen. Einige haben für diese Erfahrung das alte Wort Ehrfurcht verwendet, haben im Angesicht der unendlich empfindlichen Hülle der Biosphäre von Respekt und Achtung vor der Schöpfung und von der persönlichen Beziehung zum Heimatplaneten gesprochen, haben aus diesem Erleben ein Gefühl der Verantwortung abgeleitet und sich in einer tieferen Bedeutung als Erdenbürger erkannt…

Es gab Kosmonauten, die auf ihre Reise Musik mitnahmen, aber zuletzt fast nur noch Kassetten mit Naturgeräuschen hörten: Vogelgesang, Donnergrollen, Regen. Andere hatten ein Gemüsebeet im All und züchteten Hafer, Erbsen… strichen mit den Handflächen beseligt über die frischen Pflänzchen oder empfanden tiefe Trauer, als Fische in einem Becken die Reise nicht überstanden. Am äußersten Ende der Exkursion zu den Grenzen des Erreichbaren, die technologische Rationalität mit einer Meisterleistung krönend, entdeckten sie das Kreatürliche, das Spirituelle und das Moralische und kehrten zurück zum Anfang…“

Vielleicht lassen sich Ansätze von Antworten, Ideen eines Lebens im Einklang mit der Schöpfung, eines Lebens aus und in dieser spirituellen Einheit finden. Wenn wir eine Einsicht in die Einheit alles Seienden, in unsere eigene Wesensnatur erkennen und in Handeln umsetzen könnten, wäre die Zukunft vielleicht mehr als eine vage Hoffnung.

Dieses Büchlein – so melancholisch und so ernsthaft es daher kommt – fordert doch mehr als deutlich zu einem Umdenken und Handeln auf. Nicht zu einem blinden Aktionismus sondern zur Nachdenklichkeit, zum Innehalten zum Sortieren. Worum geht es im Leben? In meinem ganz eigenen, individuellen, auf unserem Planeten und darüber hinaus. Warum sind wir hier, was ist die Idee der Sinn?

In der Beantwortung dieser großen Menschheitsfragen kann uns der Glaube an die Liebe, die der Urkraft allen Lebens – Gott – innewohnt, ein Wegweiser sein. Ein Verhalten, ein Handeln aus dieser Liebe heraus bezieht sich nie nur auf das handelnde Subjekt selbst, sondern hat immer auch das Wohl des Ganzen im Blick. Und dieses Ganze umfasst wiederum mehr als die Familie, das eigene Volk, Land ja sogar ein Mehr welches über die materielle Existenz der Dinge hinausgeht. Wenn ich mich als Teil dieses großen Ganzen, dieser Liebe sehen und empfinden kann, dann existiert die Möglichkeit, dass ich mich auch selbst „aufhalten“ kann in einem Tun, Denken und Handeln, welches unweigerlich zur Zerstörung des Lebens in seiner Ganzheit, so wie wir es kennen, führen wird.

Vielleicht finden sich aus dieser Liebe heraus auch Ansätze zu ganz neuem anders Handeln und Leben, kleine Hoffnungszeichen für das vor uns liegende Jahr. Und last but not least sind wir ja schon längst und immer und überhaupt in dieser Liebe, in Gott, aufgehoben, aus der nichts und niemand je heraus fallen kann.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, uns allen, ein Jahr der kleinen Aufbrüche und positiven Ereignisse.
Ihre Monika Mann-Kirwan

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